ein Bericht von Dr. Wolfgang Krahl

 Nach vier Jahren kehrte ich erstmals wieder nach Äthiopien zurück. Die Pandemie und der verheerende Bürgerkrieg in Tigray hatten die Reise lange unmöglich gemacht. In dieser Zeit brach der Kontakt zu meinen dortigen Freunden und Kollegen ab; erst Anfang vergangenen Jahres erreichten mich wieder Nachrichten. Die schilderten Hunger, Isolation, fehlende medizinische Versorgung und eine ganze Region, die unter den Folgen des Krieges litt. Trotz aller Not baten sie um Unterstützung beim Wiederaufbau psychischer Gesundheitsangebote.

So entschloss ich mich, erneut nach Äthiopien zu reisen. In Addis Abeba arbeitete ich mehrere Tage mit angehenden Fachärzten der Psychiatrie und vermittelte Grundlagen der Gruppen- und Tagesklinischen Therapie sowie der ambulanten Suchtbehandlung. Auch bot sich die Gelegenheit, eine Kinderpsychiatrie zu besuchen und Einblick in Projekte zu erhalten, die sich der psychischen Gesundheit von Kindern widmen. Anschließend flog ich weiter nach Mekelle, wo ich für Fachkräfte einen Workshop zur ambulanten Suchtrehabilitation leitete. Dort zeigte sich, wie tief die seelischen Wunden bei Mitarbeitenden im Gesundheitswesen selbst sind; eine zusätzliche Trauma-Sitzung wurde dringend gewünscht.

Zum Abschluss reiste ich nach Adama, wo gemeinsam mit traditionellen Heilern ein Austausch über Behandlungsansätze stattfand. Anhand von Fallbeispielen wurde offen darüber gesprochen, wie beide Seiten arbeiten, wo Unterschiede bestehen und wie Zusammenarbeit aussehen kann. Die Resonanz war überraschend positiv, und es entstand der Wunsch nach weiteren gemeinsamen Schulungen. Diese Reise machte deutlich, wie groß der Bedarf an fachlicher Unterstützung ist – und wie sehr sich die Menschen nach einem Stück Normalität und Heilung sehnen.